Warum professionelle Sicherheitsberatung auch unbequeme Szenarien ansprechen muss
„Wer sollte denn einen Leichnam aus einer Rechtsmedizin stehlen?“
Diese Frage klingt im ersten Moment befremdlich. Vielleicht sogar übertrieben. Genau deshalb eignet sie sich hervorragend, um eine wichtige Aufgabe professioneller Sicherheitsberatung zu verdeutlichen.
Bei der Erstellung eines Gebäudesicherheitskonzeptes für ein Klinikum betrachtete ich unter anderem das Gebäude der Rechtsmedizin. Im Rahmen der Sicherheitsanalyse stellte ich die Frage, ob man sich bereits mit der Möglichkeit beschäftigt habe, dass ein eingelagerter Leichnam entwendet, ausgetauscht oder manipuliert werden könnte.
Damit behauptete ich nicht, dass ein solcher Vorfall unmittelbar bevorsteht. Es ging darum, zu prüfen, ob er grundsätzlich möglich wäre – und welche Folgen er hätte.
Denn bei einem ungeklärten oder gewaltsamen Tod ist ein Leichnam nicht nur ein Verstorbener, der bis zur Freigabe aufbewahrt wird. Er kann zugleich eines der wichtigsten Beweismittel eines Strafverfahrens sein.
Dieses Beispiel führt direkt zum Kern des Themas:
Auch das Unwahrscheinliche muss mitgedacht werden, wenn seine möglichen Auswirkungen schwerwiegend sind.
„Das ist bei uns noch nie passiert“
In Sicherheitsgesprächen hört man häufig Sätze wie:
„So etwas passiert bei uns nicht.“
„Wer sollte daran Interesse haben?“
„Das wäre doch viel zu aufwendig.“
„Das gab es hier noch nie.“
Diese Reaktionen sind menschlich nachvollziehbar. Risiken werden häufig anhand persönlicher Erfahrungen bewertet. Ist ein Ereignis über viele Jahre nicht eingetreten, entsteht schnell der Eindruck, dass es auch zukünftig nicht eintreten werde.
Doch ein störungsfreier Betrieb ist nicht automatisch der Beweis für eine wirksame Sicherheit.
Er kann ebenso bedeuten, dass eine vorhandene Schwachstelle bislang nicht erkannt oder nicht ausgenutzt wurde.
Eine ungesicherte Seitentür wird nicht dadurch sicher, dass zehn Jahre lang niemand unberechtigt durch sie hindurchgegangen ist. Vielleicht hatte bisher nur niemand ein ausreichendes Interesse daran.
Sicherheitslagen verändern sich. Neue technische Möglichkeiten entstehen. Täter passen ihr Vorgehen an. Gesellschaftliche Konflikte, geopolitische Entwicklungen oder öffentliche Diskussionen können dazu führen, dass Organisationen plötzlich in den Fokus geraten, obwohl sie sich zuvor niemals als mögliches Ziel betrachtet haben.
Ein Szenario ist keine Vorhersage
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, dass ein angesprochenes Szenario als konkrete Prognose verstanden wird.
Wenn ein Sicherheitsberater fragt, ob ein bestimmtes Ereignis eintreten könnte, behauptet er nicht automatisch, dass es eintreten wird.
Ein Szenario ist ein gedankliches Modell. Es hilft dabei, Schwachstellen, Abläufe und mögliche Folgen sichtbar zu machen.
Die entscheidenden Fragen lauten:
- Ist der Ablauf grundsätzlich möglich?
- Wer könnte ein Interesse daran haben?
- Welche Schwachstellen könnten ausgenutzt werden?
- Wie schnell würde der Vorfall erkannt?
- Welche Auswirkungen wären zu erwarten?
- Welche Schutzmaßnahmen bestehen bereits?
- Welches Restrisiko kann bewusst akzeptiert werden?
Deshalb darf nicht nur gefragt werden:
„Wie wahrscheinlich ist das?“
Mindestens ebenso wichtig ist:
„Was geschieht, wenn es trotzdem eintritt?“
Ein seltenes Ereignis mit gravierenden Folgen kann sicherheitsrelevanter sein als ein häufiges Ereignis mit geringen Auswirkungen.
Warum das für Kritische Infrastrukturen besonders wichtig ist
Bei Kritischen Infrastrukturen kann ein zunächst kleiner Vorfall weitreichende Folgen auslösen.
Dazu gehören unter anderem Einrichtungen aus den Bereichen Energie, Wasser, Gesundheit, Informationstechnik, Telekommunikation, Verkehr und staatliche Verwaltung.
Fällt eine solche Einrichtung aus, betrifft dies häufig nicht nur den Betreiber selbst. Auch Unternehmen, Behörden und Teile der Bevölkerung können betroffen sein.
Ein Stromausfall kann beispielsweise gleichzeitig Auswirkungen haben auf:
- Telekommunikation,
- medizinische Versorgung,
- Wasserversorgung,
- Kühl- und Lagerbereiche,
- elektronische Zutrittssysteme,
- Alarmierungsanlagen,
- Aufzüge,
- Produktions- und Verwaltungsprozesse.
Aus einer technischen Störung kann innerhalb kurzer Zeit eine komplexe Krisenlage entstehen.
Hinzu kommt, dass die heutige Bedrohungslage nicht mehr nur durch klassische Einbrüche oder Diebstähle geprägt wird. Cyberangriffe, Spionage, Sabotage, Drohnenausspähung, Innentäter und kombinierte physische und digitale Angriffe spielen eine zunehmend wichtige Rolle.
Dabei gilt: Nicht jede Drohne über einem Betriebsgelände ist Teil einer Ausspähung. Nicht jeder Kabelschaden ist Sabotage. Nicht jede technische Störung ist ein Angriff.
Aber ungewöhnliche Beobachtungen sollten auch nicht vorschnell als belanglos abgetan werden.
Manchmal ergibt sich erst aus mehreren scheinbar harmlosen Vorfällen ein sicherheitsrelevantes Gesamtbild.
Eine Person fotografiert wiederholt technische Anlagen. Ein angeblicher Dienstleister stellt ungewöhnlich detaillierte Fragen. Zutrittsmedien verschwinden. An einer Tür werden Manipulationsspuren entdeckt. Gleichzeitig treten auffällige Zugriffsversuche auf technische Systeme auf.
Jedes Ereignis für sich kann erklärbar sein. Zusammen können sie auf eine gezielte Vorbereitung hinweisen.
Physische und digitale Sicherheit gehören zusammen
Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, Gebäude- und Cybersicherheit getrennt zu betrachten.
Ein Angreifer interessiert sich jedoch nicht für Abteilungsgrenzen. Ihm ist gleichgültig, ob eine Schwachstelle organisatorisch der IT, dem Gebäudemanagement, dem technischen Betrieb oder dem Sicherheitsdienst zugeordnet ist.
Ein Cyberangriff kann Kameras deaktivieren, Alarmmeldungen unterdrücken oder Zutrittssysteme beeinflussen.
Umgekehrt kann ein physischer Angriff den Zugang zu Serverräumen ermöglichen, Netzwerkleitungen unterbrechen oder Wartungsschnittstellen zugänglich machen.
Ein wirksames Sicherheitskonzept darf deshalb weder am Werkstor noch an der Tür des Serverraums enden.
Das Praxisbeispiel Rechtsmedizin
Zurück zur Frage, warum ein Leichnam zum Ziel eines Angriffs werden könnte.
Bei einem nicht natürlichen oder ungeklärten Tod können sich am Körper entscheidende Hinweise befinden:
- Art und Verlauf von Verletzungen,
- Todesursache und Todeszeitpunkt,
- Schuss- oder Stichkanäle,
- Projektile und Fremdkörper,
- DNA- oder Faserspuren,
- Abwehrverletzungen,
- Fesselungs- oder Strangulationsmerkmale,
- toxikologische Substanzen,
- Hinweise auf eine Verlagerung oder spätere Manipulation.
Werden der Leichnam oder einzelne Spuren vor Abschluss der Untersuchungen verändert, entfernt oder zerstört, kann dies die Aufklärung eines Todesfalls erheblich erschweren.
Bildlich gesprochen kann der Leichnam der wichtigste noch vorhandene Zeuge eines Tatgeschehens sein.
Mögliche Motive für eine Entwendung oder Manipulation könnten sein:
- die Vertuschung eines Tötungsdeliktes,
- die Beseitigung belastender Spuren,
- die Verhinderung einer Obduktion,
- die Erschwerung der Identifizierung,
- die Entfernung eines Projektils,
- die Beeinflussung toxikologischer Untersuchungen,
- eine gezielt herbeigeführte Verwechslung.
Dabei müsste ein Täter nicht einmal gewaltsam einbrechen.
Ein denkbares Szenario wäre wesentlich unspektakulärer:
Ein Bestattungsfahrzeug fährt an der Leichenannahme vor. Die Personen tragen passende Arbeitskleidung und legen scheinbar vollständige Unterlagen vor. Da solche Übergaben zum Alltag gehören, wird die Berechtigung nur oberflächlich geprüft.
Der Leichnam wird übergeben.
Erst später stellt sich heraus, dass weder das Unternehmen noch der Abholauftrag echt waren.
Keine Tür wurde aufgebrochen. Kein Alarm wurde ausgelöst. Der Angriff funktionierte durch Täuschung, Routine und unzureichende Kontrolle.
Gerade an den Schnittstellen zwischen Rechtsmedizin, Klinikum, Polizei, Staatsanwaltschaft, Bestattungsunternehmen und Transportdienstleistern können Sicherheitslücken entstehen.
Welche Fragen müssen gestellt werden?
Ein Sicherheitskonzept für eine Rechtsmedizin sollte deshalb nicht nur die Qualität von Türen und Schließsystemen bewerten.
Es muss auch klären:
- Wer darf welche Bereiche betreten?
- Werden Zutritte personenbezogen dokumentiert?
- Wie werden Leichname eindeutig identifiziert?
- Wer darf eine Umlagerung oder Herausgabe veranlassen?
- Wird bei Übergaben ein Vier-Augen-Prinzip angewendet?
- Wie werden Abholunternehmen und Personen überprüft?
- Gibt es besondere Verfahren für kriminalistisch relevante Fälle?
- Wie wird auf Manipulationen oder Verwechslungen reagiert?
Nicht jeder eingelagerte Leichnam benötigt dieselbe Schutzstufe. Bei einem ungeklärten Todesfall oder einem laufenden Strafverfahren kann jedoch ein deutlich höherer Schutzbedarf bestehen.
Mögliche Maßnahmen reichen von elektronischer Zutrittskontrolle und lückenlosen Übergabenachweisen bis zu getrennten Lagerbereichen, Rückbestätigungen von Abholaufträgen und abgestimmten Verfahren mit Polizei und Staatsanwaltschaft.
Nicht nur Technik entscheidet
Das Beispiel zeigt zugleich: Sicherheitslücken sind nicht immer technischer Natur.
Oft entstehen sie durch Routine, unklare Zuständigkeiten oder zu großes Vertrauen.
Ähnliche Risiken bestehen auch in anderen Bereichen:
Ein vermeintlicher Techniker wird eingelassen, ohne dass sein Auftrag überprüft wird. Ein Mitarbeiter hält einer unbekannten Person aus Höflichkeit die Tür auf. Ein Schlüsselverlust wird nicht gemeldet. Ein Dienstleister verfügt noch Monate nach Vertragsende über Zutrittsrechte.
Auch Innentäter dürfen nicht völlig ausgeblendet werden. Das bedeutet nicht, sämtliche Beschäftigten unter Generalverdacht zu stellen. Es bedeutet, kritische Prozesse so zu gestalten, dass eine einzelne Person nicht unbemerkt erheblichen Schaden verursachen kann.
Zwischen Vorsorge und Panikmache
Natürlich darf nicht jedes theoretisch denkbare Szenario zu kostspieligen Schutzmaßnahmen führen.
Professionelle Sicherheitsberatung bedeutet nicht, möglichst dramatische Bedrohungsbilder zu zeichnen. Sie bedeutet, Risiken sachlich und nachvollziehbar zu bewerten.
Ein Risiko kann nach sorgfältiger Prüfung bewusst akzeptiert werden.
Der Unterschied liegt zwischen:
„Wir haben das Szenario bewertet und akzeptieren das Restrisiko.“
und:
„Das wird schon nicht passieren.“
Oder etwas einfacher formuliert:
Nicht jedes Gewitter rechtfertigt einen Bunker. Ein funktionierender Blitzschutz sollte trotzdem vorhanden sein.
Fazit
Ungewöhnliche Szenarien dürfen weder dramatisiert noch belächelt werden.
Die Aufgabe professioneller Sicherheitsberatung besteht darin, ihre Plausibilität zu prüfen, mögliche Folgen sichtbar zu machen und angemessene Maßnahmen abzuleiten.
Das Beispiel der Rechtsmedizin zeigt, wie schnell eine zunächst abwegig klingende Frage zu einer fachlich relevanten Sicherheitsbetrachtung wird.
Ein Sicherheitskonzept, das ausschließlich Ereignisse betrachtet, die bereits eingetreten sind, bleibt reaktiv.
Vorausschauende Sicherheitsplanung beginnt dort, wo auch das bislang nicht Eingetretene mitgedacht wird.
Denn Täter, technische Störungen und außergewöhnliche Ereignisse fragen nicht, ob ein Szenario zuvor für realistisch gehalten wurde.
Sie nutzen die Bedingungen, die sie vorfinden.
Was heute noch unwahrscheinlich erscheint, kann morgen bereits Teil einer realen Krisenlage sein.







